Am anderen Ende der Nacht

Am anderen Ende der Nacht

Verlag: BLESSING

erschienen am : 22.08.2016

ISBN: 978-3-89667-389-3

Hörbuch

ISBN: 978-3-8371-3602-9

Hörprobe

Eine bewegende Geschichte über die Macht der Liebe, die Angst des Verlustes und die Kraft der Menschlichkeit

Auf einer Chinareise erleben Paul und Christine einen Albtraum: Ihr vierjähriger Sohn wird entführt. Zwar gelangt David durch glückliche Umstände wieder zu ihnen, doch die Entführer geben nicht auf, sie wollen ihn zurück. Der einzig sichere Ort für die Familie ist die amerikanische Botschaft in Peking. Aber Bahnhöfe, Straßen und Flughäfen werden überwacht. Ohne Hilfe haben sie keine Chance, dorthin zu gelangen. Wer ist bereit, ihnen Unterschlupf zu gewähren und dabei sein Leben aufs Spiel zu setzen? Wem können sie trauen?

Am anderen Ende der Nacht erzählt von Menschen, die nicht mehr viel zu verlieren haben und sich gerade deshalb ihre Menschlichkeit bewahren.

Trailer

Stimmen

Leseprobe

1. Kapitel S. 11-12

I

Paul hatte nicht oft und nie gern getanzt in seinem Leben, und seit dem letzten Mal waren Jahre vergangen.

Aber da er zu jenen Menschen gehörte, die zu einem Kind schlecht Nein sagen konnten, am allerwenigsten zu seinem eigenen, begann er sich zu bewegen.

Er machte einen Schritt nach vorn im Takt der Musik, einen zur Seite, einen zurück. Er wippte in den Knien und drehte sich mit Schwung einmal im Kreis.

Auf seinen Schultern saß das Gewicht der Welt. So leicht, dass er nicht schwer daran trug.

David jauchzte vor Vergnügen.

 

Sie waren umringt von mehreren Hundert Walzer tanzenden Paaren. Manche nahmen keine Notiz von den beiden Fremden in ihrer Mitte. Andere lachten beim Anblick des groß gewachsenen Mannes mit dem Kind auf seinen Schultern, das sie alle um Kopfeslängen überragte. Sie riefen ihnen ermunternde Worte zu, winkten und klatschten in jeder Pause.

David freute sich über die Aufmerksamkeit, Paul über die Unbeschwertheit, mit der sie in Shi auf dem »Platz des Volkes« tanzten. Statt unter der drückenden Hitze Hongkongs zu leiden, genoss er mit seinem Sohn die warme Luft eines milden Herbsttages in Sichuan. Über ihnen wölbte sich ein klarer, tintenblauer Himmel. Ein heftiger Regen am Morgen hatte den Dreck aus der Luft gewaschen, was übrig blieb, hatte der Wind in den vergangenen Stunden aus der Stadt geweht.

Nach einigen Tänzen hatte sein Sohn Durst. Paul hob ihn von den Schultern, und sie gingen zu einer Reihe von Kiosken, die den Platz an einer Seite begrenzten. Die Läden verkauften Eis, Gebäck und Getränke und waren umlagert von Menschen. Aus Lautsprechern klang Hongkonger KantoPop, es roch nach frischem Kaffee. Paul bestellte einen doppelten Espresso und für David eine Kugel Eis und eine Limonade. Sie setzten sich an den letzten freien Tisch auf zwei Barhocker. David wollte einen Strohhalm, Paul holte ihm einen.

»Nein, keinen gelben, einen roten.«

»Rote gibt es nicht.«

»Doch. Die Frau am Nebentisch hat einen.«

»Die Farbe des Strohhalms spielt für den Geschmack einer Limonade keine Rolle.«

»Doch, tut sie.«

»Tut sie mit Sicherheit nicht.«

»Tut sie mit Sicherheit doch. Bitte, Papa.«

Paul holte einen roten.

Sie schwiegen eine Weile und blickten über den Platz.

In der Mitte ragte eine Statue Mao Zedongs aus grau-weißem Stein in den Himmel, überüberlebensgroß. Mao hatte den rechten Arm erhoben, er winkte dem Volk oder wies ihm den Weg, so eindeutig war das nicht zu sagen. An Kopf und Schultern war der Stein auffallend hell, er war wohl erst vor Kurzem von Vogelschiss gesäubert worden.

Zu Maos Füßen hatte die Stadt große Beete angelegt, in denen rote Herbstblumen blühten. Hinter ihm wehte ein Banner: »Lang lebe der Große Vorsitzende«.

David schenkte all dem keine Beachtung. Sein Glas war leer, das Eis alle, er wollte weitertanzen.

»Gleich.«

»Wann ist gleich?«

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