Das Flüstern der Schatten

Das Fluestern der Schatten

Verlag: BLESSING

erschienen am : 02.03.2009

ISBN: 978-3-453-42146-2

International

Die Geschichte eines Menschen am Wendepunkt seines Lebens.

Seit dem tragischen Tod seines Sohnes lebt Paul auf einer kleinen Insel vor Hongkong. Er hängt seinen Erinnerungen nach und meidet Kontakt zu anderen Menschen. Auch die engelsgleiche Geduld und das Liebeswerben von Christine Wu prallen an ihm ab. Als Paul die Bekanntschaft einer Amerikanerin macht, deren Sohn in China ermordet wurde, rührt ihre Verzweiflung über den Verlust an seinem eigenen Trauma. Zuerst scheut er davor zurück, sich an der Aufklärung zu beteiligen. Als er sich doch dafür entscheidet, öffnet sich ihm im Angesicht dieser Herausforderung ein Pfad zurück ins Leben und zur Liebe.

Stimmen

Leseprobe

Prolog S. 7-10

Er war ein schmächtiges Kind. Schon bei der Geburt. 2980 Gramm, kaum mehr als ein Frühchen. Trotz der Woche, die er länger als geplant im Leib seiner Mutter zugebracht hatte. Kein Grund zur Sorge, versicherten die Ärzte. Das wird er aufholen.

Seine Haut wirkte blass, fast durchsichtig und noch zarter als die der anderen Neugeborenen. An den Schläfen, am Kinn und an den Händen schimmerten die blauen Äderchen durch, selbst noch nach den ersten Wochen, in denen sich Säuglinge normalerweise in gut gepolsterte Babys verwandeln.

 

Seine Schreie waren weniger schrill, weniger durchdringend und von geringerer Ausdauer als die der anderen. Er war schnell erschöpft, auch später, als Drei-, Vierjähriger. Wenn die anderen Kinder auf dem Spielplatz in der Bowen Road oder später am Strand von Repulse Bay nicht wussten, wohin mit ihrer Energie, wenn sie kletterten, tobten oder mit wildem Geschrei ins Wasser rannten, saß er im Sand und blickte ihnen nach. Oder er krabbelte auf den Schoß seines Vaters, legte den Kopf auf dessen Schulter und schlief ein. Er war sparsam in seinen Bewegungen. Als spürte er, dass er mit seinen Kräften haushalten musste, dass seine Zeit begrenzt sein würde. Kein Grund zur Sorge, glaubten die Ärzte. Jedes Kind ist anders.

Er blieb ein zierlicher Junge. Dünne Beinchen und Ärmchen ohne muskulöse Konturen, stöckchengleich, auch mit sechs Jahren noch so leicht, dass ihn sein Vater mit einem Arm packen und in die Luft stemmen konnte. In der Schule, im Unterricht, gehörte er zu den Stillen. Wenn die energische Frau Fu ihn etwas fragte, wusste er in den meisten Fällen die richtige Antwort, aber von sich aus sagte er nichts. In der Pause spielte er lieber mit den Mädchen oder saß allein auf dem Hof und las. Am Nachmittag, wenn die anderen Jungen sich in Fußballer oder Basketballer aufteilten, ging er zum Ballettunterricht. Seine Eltern waren dagegen gewesen. War er nicht schon Außenseiter genug? Ein Sonderling ohne enge Freunde. Er brauchte nicht lange zu betteln. Die stille Enttäuschung in seinem Gesicht war eine eindringliche Bitte, die ihm sein Vater nicht abschlagen konnte.

Wenige Wochen später klagte er das erste Mal über Schmerzen. Die Glieder taten ihm weh, vor allem die Beine. Ganz normal sei das, tröstete ihn der Ballettlehrer, viele Kinder litten darunter, wenn sie mit dem Tanzen beginnen, vor allem, wenn sie es mit jener Hingabe tun, die ihn auszeichnete. Muskelkater von den ungewohnten Bewegungen, vermutete auch sein Vater. Ein befreundeter Orthopäde beruhigte die Eltern. Wahrscheinlich wächst der Junge, da sei ein kräftiges Ziehen in den Knochen nichts Ungewöhnliches. Das gehe vorbei. Kein Grund zur Sorge. Dann kam die unerklärliche Müdigkeit hinzu. Er schlief während des Unterrichts ein, konnte sich schlecht konzentrieren und verbrachte die Nachmittage zumeist auf dem Sofa im Wohnzimmer.

Wären sie schneller zum Arzt gegangen, wenn man die Beschwerden nicht auf das Ballett hätte schieben können? Wenn er ein vor Kraft strotzender Junge gewesen wäre, einer, bei dem jede anhaltende Müdigkeit, jeder Gewichtsverlust sofort aufgefallen wäre? Hätten sie seine Klagen ernster nehmen müssen? Waren sie unachtsam oder leichtfertig gewesen? Sie konnten nicht einmal mit Sicherheit sagen, wann die Schmerzen zum ersten Mal aufgetreten waren. Meredith konnte sich überhaupt nicht erinnern. In der fraglichen Zeit war sie in London gewesen. Oder in New York. Oder in Tokio. Jedenfalls nicht in Hongkong. Aber du, Paul, du musst es doch wissen, hatte sie gesagt und ihn angeblickt. Und auch der Arzt hatte den Kopf gewandt und ihn angeschaut. Er überlegte. Er schwieg. Er wusste es nicht.

Es hätte am Ende keinen Unterschied gemacht. Das betonten die Onkologen bei jeder Gelegenheit. Paul war sich nicht sicher, ob sie es nur sagten, um ihn zu beruhigen, damit ihn, neben der panischen Angst um das Leben seines Sohnes, nicht auch noch das schlechte Gewissen quälte, oder ob es den Tatsachen entsprach. Früherkennung spielt bei Leukämie im Gegensatz zu den meisten anderen Krebsarten keine Rolle, erklärten die Ärzte ihm wieder und wieder, oft ungefragt und immer etwas übereifrig. Als würden sie seine Schuldgefühle voraussetzen. Als wären diese berechtigt. Und selbst wenn sie Recht hatten, selbst wenn ein früherer Arztbesuch nichts an der Krankheit, an der Behandlung, an der Prognose und der Überlebenschance geändert hätte, was bedeutete das schon? Trost? Paul und Meredith Leibovitz hatten als Eltern versagt, da gab es für ihn gar keine Zweifel. Ihr Sohn war ihnen in die Obhut gegeben worden, sie waren für sein Wohlergehen, für seine Gesundheit verantwortlich, und sie, Paul und Meredith Leibovitz, hatten ihn vor dieser Krankheit nicht schützen können. Wozu waren Vater und Mutter gut, wenn sie ihr Kind davor nicht bewahren konnten?

"Hadern Sie nicht mit sich. Hadern Sie mit Gott, wenn Sie wollen. Hadern Sie mit dem Schicksal. Hadern Sie mit dem Leben, aber nicht mit sich. Sie können nichts dafür", hatte ihnen Doktor Li, der behandelnde Onkologe, kurz nach der Diagnose in einem Gespräch geraten. Meredith hatte sich das zu Herzen genommen und sich in den folgenden Monaten von ihren anfänglichen Schuldgefühlen befreien können. Paul nicht. Er glaubte nicht an Gott, er glaubte nicht an ein Karma, es gab nichts und niemanden, den er für die Krankheit verantwortlich machen, dem er die Schuld dafür geben konnte. Nichts und niemandem außer seiner eigenen Unvollkommenheit.

Paul stand am Fenster und schaute hinaus. Es war früh am Morgen, direkt vor dem Krankenhaus lagen mehrere Tennis- und Fußballplätze, ein paar Jogger nutzten die um diese Uhrzeit noch erträglichen Temperaturen und zogen ihre Runden. Die tief hängenden, dunkelgrauen Wolken der vergangenen Tage waren verschwunden und einem blauen, wolkenlosen Himmel gewichen. Der Monsunregen hatte den Smog aus der Luft gewaschen, und die Sicht war klar wie selten in Hongkong. Er konnte deutlich den Peak erkennen, davor den schlanken IFC-Turm und die Bank of China. Zwischen den Hochhäusern in Ost-Kowloon und Hung Hom schimmerte das silbergraue Wasser des Hafens, in dem bereits Dutzende von Fähren, Schlepper und Schuten kreuzten. Auf den hochgelegenen Schnellstraßen, der Gascoigne Road und der Chatham Road South, standen die Autos schon im Stau.

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