Das Geheimnis des alten Mönches: Märchen und Fabeln aus Burma

Das Geheimnis des alten Mönches

Verlag: Karl Blessing Verlag

erschienen am : 11.09.2017

ISBN: 978-3-89667-581-1

Hörbuch

ISBN: 978-3-8371-4003-3

Hörprobe

Geschichten, die das Herz berühren, gesammelt vom großen Burmakenner Jan-Philipp Sendker.

 

»Ich habe Burma seit 1995 mehrere Dutzend Male bereist, und bei den Recherchen für meine Romane Das Herzenhören und Herzenstimmen wurden mir immer wieder Märchen und Fabeln erzählt. Zum einen waren das bewegende Geschichten, die von dem mythologischen Reichtum der verschiedenen Völker Burmas erzählten, von der Spiritualität der Menschen und wie tief buddhistisches Denken die Gesellschaft über Jahrhunderte geprägt hat. Andere waren so fremd und skurril und kamen ohne eine sich mir erschließende Moral aus, sodass ich sie gar nicht einordnen konnte. Wieder andere erinnerten mich an die Märchen meiner Kindheit, nur dass hier Affen, Tiger, Elefanten und Krokodile die Fantasiewelt bevölkerten statt Igeln, Eseln oder Gänsen. Die Lehren, die sie vermitteln wollten, ähneln denen der Brüder Grimm oder Hans Christian Andersens und ich verstand, wie sehr sich alle Kulturen in ihren Mythen aus dem universellen Fundus menschlicher Weisheit bedienen.« Jan-Philipp Sendker

 

Geschichten, die das Herz berühren – gesammelt und erzählt vom großen Burmakenner Jan-Philipp Sendker gemeinsam mit Lorie Karnath und Jonathan Sendker.

Stimmen

Leseprobe

Eine Reise zu dritt
Das Geheimnis des alten Monches2

 

 

Das Geheimnis des alten Monches

Ein Vater und sein Sohn wollten eine Reise tun. Darum schickte der Vater den Sohn in den Stall, um den Esel zu holen, der ihre Taschen tragen sollte. Als der Esel beladen war, hatten die bei- den Mitleid mit ihrem Tier, dem sie nun schon so viel aufgebürdet hatten, und beschlossen, ihn nicht zu reiten, sondern nebenher zu laufen.

 

Sie brachen auf und kamen bald ins erste Dorf. Schon am Dorfeingang fielen ihnen die Blicke der Bewohner auf. War- um sie den Esel nicht reiten würden, fragten die Dörfler spöttisch, das sei doch reine Verschwendung. Als Vater und Sohn das hörten, beschlossen sie, den Sohn auf den Esel zu setzen, die Leute hatten ja recht, nicht wahr?

 

 

Sie reisten also in dieser Formation weiter ihres Weges und kamen bald darauf in das nächste Dorf. Diesmal waren die Bewohner regelrecht wütend – wie respektlos war es denn von dem Sohn, den Vater nicht auf dem Esel reiten zu lassen, sondern ihn selbst zu beanspruchen? Natürlich wollte der Sohn nicht respektlos scheinen, darum sprang er schnell her- unter und half seinem Vater in den Sattel.

 

In der Hoffnung, nun alles richtig gemacht zu haben, setzten die beiden ihren Weg fort. Es ging jetzt steil bergauf, und während der Vater gemütlich auf dem Esel reiten konnte, kam der Sohn arg ins Schwitzen. Oben auf der Hügelkette entdeckten sie eine kleine Siedlung, der Sohn rastete und trank etwas Wasser. Die Einheimischen kamen aus ihren Hütten, um die Besucher zu begrüßen. Sie sahen den erschöpften Sohn und seinen entspannten Vater und waren empört. Was war das für ein schlechter, egoistischer Vater? Er solle bloß machen, dass er fortkomme!

 

Verwirrt standen Vater und Sohn am Dorfausgang. Ihnen blieb nun noch eine Möglichkeit, und sie setzten sich beide auf den tapferen Esel.

 

Nach einiger Zeit erreichten sie ein weiteres Dorf. Als Vater und Sohn auf dem schnaufenden Esel hineinritten, starrten die Dörfler sie an. Zwei Leute auf diesem armen, offensichtlich halb zu Tode geschundenen Esel! Was für ein schändliches Verhalten, was für kaltherzige, brutale Menschen mussten diese Fremden sein?

 

Sofort stiegen Vater und Sohn ab und ließen auch dieses Dorf so schnell wie möglich hinter sich. Außer Sichtweite hielten sie kurz an und verschnauften. Nach einer Weile drehte sich der Sohn zu seinem Vater und fragte ratlos: »Und was machen wir jetzt?«

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