Drachenspiele

Drachenspiele

Verlag: BESSING

erschienen am : 23.07.2009

ISBN: 978-3-89667-388-6

International

Ein akribisch recherchierter China-Roman, der sowohl das Verständnis für die fremde Kultur mehrt als auch große Gefühle weckt

Paul lebt schon so lange in China, dass er glaubt, das Land und die Frau, mit der er sein Leben teilen möchte, zu verstehen. Bis ein Brief aus der Vergangenheit alles verändert und ein Wahrsager seiner Frau Christine und ihm eine düstere Zukunft voraussagt. Immer tiefer verstrickt Paul sich in ein Land, das ihm zunehmend fremder wird. Wie sehr er sich und die Menschen, die er liebt und die ihn um Hilfe bitten, dabei in Gefahr bringt, bemerkt er zu spät. Die Prophezeiung des Wahrsagers scheint sich zu erfüllen, und Pauls alte Gewissheiten gelten nicht mehr.

Stimmen

Leseprobe

1. Kapitel S. 11-12

Du bist ein liebeshungriger Mensch.

Es war das erste Mal, dass er diesen Satz von einer Frau hörte. Liebeshungrig. Er wusste nicht, ob das eine Klage oder ein Kompliment sein sollte. Sind wir das nicht alle?, antwortete er, ohne darüber lange nachzudenken.

Sie lächelte. Manche mehr, manche weniger.

Und ich? Mehr oder weniger?

Mehr. Mehrmehrmehr.

Er nahm sie in den Arm. Diesen schmächtigen Körper, den er manchmal zu zerdrücken fürchtete. Der ihn aufregen konnte, ihn in langen, schlaflosen Nächten um den Verstand brachte wie zuvor kein anderer in seinem Leben. Er atmete tief ein und schloss die Augen.

 

Mehr. Mehrmehrmehr.

Liebeshungrig. Es hat Menschen in seinem Leben gegeben, die hätten ihn mit diesem Wort verletzen wollen. Und Zeiten, in denen ihnen das gelungen wäre. Er hätte die Behauptung als Affront empfunden und als eine geradezu absurde Unterstellung zurückgewiesen.

Heute nicht. Obgleich die Worte Hunger und Liebe in seinem Kopf nicht zusammenpassen wollten. Liebe klang für ihn, zumindest mit Christine im Arm, nach Reichtum, Glück, Erfüllung. Hunger hingegen war eine Not. Hunger musste gestillt werden, notfalls um jeden Preis. Hunger kannte nur sich, Liebe nur den anderen. Hungrige Menschen waren schwach, Liebende stark. Wenn Hunger und Liebe etwas verband, war es die Maßlosigkeit, die in beidem steckte.

Er fragte, wie es gemeint war. Ob er es als Beschwerde oder Schmeichelei verstehen dürfe.

Weder noch, antwortete sie. Nur als Feststellung.

Dabei beließen sie es. Zunächst.

Vielleicht, dachte er, hatte sie Recht. Vielleicht hatten die vergangenen drei Jahre tiefere Spuren hinterlassen, als ihm bewusst war. Drei Jahre, in denen er sich nichts sehnlicher gewünscht hatte, als allein zu sein. Drei Jahre, in denen ein Tag, an dem er mit keinem Menschen ein Wort gewechselt hatte, ein guter Tag gewesen war. Eine Zeit, in der seine Welt auf die Größe eines Hauses und einer kleinen, autofreien, kaum bewohnten Insel im Südchinesischen Meer geschrumpft war. Vielleicht war ein Mensch, der sich so zurückziehen musste, der in der Vergangenheit und von Erinnerungen lebte, der nichts und niemanden auf der Welt mehr liebte als einen Toten, vielleicht war so ein Mensch in größerer Not, als Paul es wahrhaben wollte.

Liebeshungrig. Hungrig nach Liebe. Es war die Bedürftigkeit, die in dem Wort mitklang, die ihm nicht gefiel, ohne dass er genau hätte sagen können, warum. Bedürftig sind wir alle, wollte er laut einwenden, und ahnte Christines Antwort. Manche mehr, andere weniger.

Und ich?

Mehr. Mehrmehrmehr.

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